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Monatsspruch

Mai 2020:

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! 1. Petrusbrief 4,10 (E)

Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. So trat er in ein Kloster ein. Aber das Leben der Mönche war ihm fremd; er wusste kein Gebet zu sprechen, keinen Psalter zu singen. Stumm und beschämt ging er umher: Ach – ich allein, ich kann nichts. Ich bin unnütz! So ging er eines Tages statt zum Gebet in eine abgelegene Kapelle: Wenn ich schon nicht mitbeten kann, so will ich doch tun, was ich kann …

Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand in seinem bunten Gauklerröckchen. Und während vom Hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen. Er springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben. Wie lange auch das Gebet der Mönche dauert – er tanzt so lange, bis es ihm den Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen.

Ein Mönch aber hatte ihn heimlich beobachtet. Am anderen Tag ließ der Abt den Gauklerbruder zu sich rufen. Der erschrak zutiefst und glaubte, er solle nun bestraft werden. Ich weiß, Herr, dass hier meines Bleibens nicht ist, so will ich aus freien Stücken ausziehen. Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn  und bat, für ihn und die anderen Mönche einzustehen: In deinem Tanzen hast du Gott mit Leib und Seele geehrt; uns aber möge er all die wohlfeilen Worte verzeihen, die uns über die Lippen kommen, ohne dass unser Herz sie sendet.

Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat …, sagt uns das Wort aus dem Petrusbrief – und niemand behaupte nunmehr von sich, er könne nichts, er sei nichts. Ich bin gewiss, dass jeder Mensch mindestens eine gottgewirkte Gabe in sich hat, die er zu Nutz und Frommen einbringen kann. Diese Gabe zu entdecken und heilvoll zu nutzen, ist die je eigene Auf-Gabe. Dies tut der Gaukler auf seine ganz eigene, ihn selbst überraschende Weise: Er erleuchtet die frommen Mönche.

Jetzt ist es an uns: Nun sind wir gefragt als Botschafter unseres Gottes. Niemand kann sagen, wie das aussehen mag, denn die Gaben sind so verschieden wie die Gnade Gottes. Es gibt keine ein- für allemal allgemeingültige Antwort auf die Fragen des Lebens. Aber ein jeder hat die Gabe empfangen, auf die Fragen, die das Leben uns stellt, selbst zu antworten, verantworten… mit unserem Leben.

Gerade in den letzten Monaten zeigt sich dies an vielen Stellen in mancherlei Weise – aber schöner als das Wort systemrelevant sind halt die Seinsweisen lieben und dienen.

Im Josuabuch der jüdischen Bibel heißt es (Josua 24,15): Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen. Meint: Ich habe meine Entscheidung getroffen, ihr müsst eure noch treffen. Wo hier zu einer Entscheidung aufgerufen wird, da ist damit zugleich ein eigenes Bekenntnis verbunden. Ein Bekenntnis, mit dem für die eigene Person klar Position bezogen und damit ein Vorbild, eine Orientierung gegeben wird, eins das Mut machen und mitreißen will. Da macht sich einer erkennbar – und das heißt immer auch: angreifbar; da bezieht jemand für sich eindeutig Position und benennt offen, wo die eigenen Richtlinien, die eigenen Maßstäbe liegen.

Und wer noch nicht so recht weiß, wer noch zaudert, noch wankelmütig ist, erfährt hier die Einladung, sich auf diesem Weg einfach mal auszuprobieren. Und zugleich macht es auch deutlich: Ich muss, wenn schon nicht anderen gegenüber, doch mir selber klar sein, wo ich stehe, was meine Position ist und was mein Leben nachhaltig bestimmt. Traurig ist ja, dass zwar viele benennen können, was sie nicht wollen, aber selten das, was sie wollen.

Und zugleich ist aber ein so klares Bekenntnis auch ein deutliches Signal in der Auseinandersetzung, zugleich auch ein Mutmachwort, eine Vergewisserung für einen selbst. Denn mein Gegenüber weiß sogleich: bei dem werde ich keinen Blumentopf gewinnen, denn er will dem Herrn dienen und nicht mir – meine Maßstäbe werden nicht die seinen sein, denn seine Maßstäbe leiten sich von Gott her.

Eins meiner Lieblingsworte ist: Wer sein Knie vor Gott beugt, braucht es vor keinem Menschen mehr tun; nicht im Sinne der Unterwerfung, der Unterordnung. Solches Dienen ist genauso wenig christliche Tugend wie sich selbst zum Herrscher aufzuschwingen. Liebe ohne zu herrschen, diene ohne zu kriechen! Das sind die beiden Pole, die es auszubalancieren gilt. Gott braucht Rückgrat bei seinen DienerInnen, denn die müssen sich Menschen entgegenstellen.

Dienen hat bei ihm nur eine Bedeutung: um seine Grenzen zu wissen, um seine Fähigkeiten zu wissen und all seine Fähigkeiten gegen alles Lebensfeindliche und Menschenfeindliche einzubringen, um dem Leben – und das ist Gottes Reich – Geltung zu verschaffen hier und jetzt; und: an den eigenen Grenzen Halt zu machen. Unsere Grenzen freilich sind so eng nicht, wie wir oft meinen.

Nehmen wir dienen als ein anderes Wort für lieben, was heißt: dem anderen eine große Würde zuzugestehen. Diese Sicht auf den anderen – meine Liebe – ist für ihn unentbehrlich. Und wann immer uns jemand anfragt, lasst uns die gute alte Krämerfrage stellen: Womit kann ich dienen?

Ihr d. lippold

Monatsspruch

Juni 2020:

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. 1.Könige 8,39 (L)

Da passiert etwas, wonach wir uns in dieser Corona-Krise so sehnen. Eine Gruppe von Menschen, Freunde, Verwandte, sitzen beieinander. Bei einem Kaffee oder einem Glas Bier oder Wein. Sie unterhalten sich, sie erzählen. Einer erzählt etwas, eine Begebenheit aus seinem Leben. Die Anwesenden reagieren unterschiedlich. Einige hängen an den Lippen des Erzählers, einer tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.  Ein anderer schaut irgendwohin ins Leere. Wieder ein anderer nickt einige Male mit dem Kopf – oder schüttelt ihn. Was mögen die Zuhörer denken? Welche Assoziationen mag das Erzählte in ihnen hervorrufen? Wie reagieren sie, nicht äußerlich, sondern innerlich? Was denken sie über den Erzähler?

Man möchte gar zu gerne wissen: Was denkt jetzt der andere? Gedanken sind ja viel schneller als das, was dann als sprachliche Reaktion geäußert wird. Diese Gedanken können sogar ganz anders sein als die nachfolgende sprachliche Äußerung. Jemand kann denken: Da hat er aber gewaltig übertrieben und sich mächtig mit dem gebrüstet, was er geleistet hat.“ Und sagen kann er womöglich „Interessant, was du da erzählst.“

Es gibt ein Volkslied, wir kennen es alle und haben es, insbesondere in der Schule, oft gesungen: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen: Die Gedanken sind frei“. Richtig, kein Mensch kann Gedanken lesen, keiner. Aber einen gibt es, der weiß sie, der kennt sie alle, ganz genau. Der allmächtige, allwissende Gott, der kennt sie.

Die Allwissenheit ist Teil der Allmacht Gottes, die wir ja im Glaubensbekenntnis aussprechen. Für viele ist es ein bedrohlicher Gedanke, vor allem als Kind, dass Gott alles sieht und alles weiß. Ich bin vor Gott ein gläserner Mensch, er kennt meine Gedanken, nichts ist / bleibt ihm verborgen. Aber Gott kennt nicht allein die Gedanken, er kennt das Herz aller Menschen. Also auch die Gefühle, die Sorgen, das Helle und Liebevolle wie auch das Dunkle. Das Herz aller Menschenkinder zu kennen ist letztlich etwas anderes als „Allwissenheit“. Denn wer die Herzen sieht, muss selbst ein Herz haben. Und einer, der ein Herz hat, hat keinen harten Maßstab, mit dem er alles beurteilen will.

„Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder“.  Das ist der Monatsspruch für den Juni. Das betete der König Salomo, als er den fertigen Tempel in Jerusalem einweiht. Es geht Salomo darum, dass Menschen in diesem Tempel aus den verschiedenen Anlässen Gott anrufen werden, und das werden meistens notvolle Anlässe sein. Salomo bittet Gott, er möge jedem dieser Menschen geben, wie er es verdient habe, „wie du sein Herz erkennst“, sagt Salomo und fährt fort: „Denn du allein kennst das Herz aller Menschenkinder“.

Salomo weiß, und wir kennen das doch auch, das was von einem Menschen sichtbar ist, das kann täuschen. Wie es im Innern eines Menschen aussieht, kann kein Außenstehender wirklich erkennen und durchschauen. Aber wenn Gott einen Menschen sieht und ihn beurteilt, dann spielt für ihn nicht nur das äußere Tun und Lassen eine Rolle, sondern vor allem das, was an Gedanken und Motiven dahinter zu erkennen ist. Und das erkennt allein Gott in allen Zusammenhängen und Verästelungen. Er allein kennt das Herz aller Menschen.

Eine tröstliche Aussage. In mehrfacher Hinsicht. Manchmal verstehe ich einen Menschen nicht. Ich kann nicht begreifen, wie er zu diesem oder jenem Verhalten kommt. Ich finde auch im Gespräch keinen Zugang zu seinen Gedanken und Motiven. Da hilft es mir zu wissen: Gott kennt das Herz dieses Menschen. Und erkennt es nicht nur, er kann es auch beeinflussen. Deshalb ist das Beste für mich, dass ich für diesen Menschen zu Gott bete.

Manchmal kommt es auch vor, dass ich mit guten Absichten irgendetwas begonnen habe und dann schließlich doch eher etwas Negatives daraus geworden ist. Womöglich muss ich mir dann auch noch unangenehme Kritik von anderen Menschen gefallen lassen. Da hilft es mir und ist mir allein wichtig, dass ich weiß: Gott kennt meine Gedanken und Motive. Sollen die Menschen denken, was sie wollen.

Gott kennt das Herz aller Menschenkinder. Er kennt auch mein Herz. Er durchschaut mich bis in die letzten Tiefen, wahrscheinlich bis in solche Tiefen, in die ich selbst gar nicht mit meinem Bewusstsein vordringe. Ich kann ihm nichts vormachen, ich muss ihm auch nichts vormachen. Ich darf wissen: Er liebt mich so wie ich bin.

Klaus Wirbel

Letzte Änderung am: 21.05.2020