Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Liebe Schwestern und Brüder,

jetzt gehen wir auf den Höhepunkt zu. Die Karwoche hat begonnen; jetzt begehen wir sozusagen in Echtzeit die Passion Jesu, die wir nun schon – unter ganz besonderen Umständen und Einschränkungen – über die Wochen begehen.

Die Karwoche endet mit dem Tag der Grabesruhe, sie führt uns über den „Verrat“ des Judas, über die Einsetzung des Abendmahls, die letzte Runde Jesu mit seinen Jüngerinnen hin zu Gefangennahme, Folter, Spott, Tod in die stumme Fassungslosigkeit der Grablegung.

Begonnen hat diese Woche ganz anders – mit Palmarum, dem Tag, an dem Jesus in Jerusalem ankommt. Es ist ein Freudentag; die Menschen sind draußen auf der Straße; sie singen, sie lachen und tanzen, schütteln dem Brauch nach fröhlich die Palmwedel; sie sind ausgelassen und laut, denn sie freuen sich auf das Passah-Fest, an dem sie ihre Befreiung durch Gott aus der Abhängigkeit feiern. Die Stadt ist voll, denn Passah feiert man – natürlich – in Jerusalem.

Viele erkennen Jesus, wissen, dass er kommt; viele haben zumindest eine Ahnung davon, dass er etwas ganz Besonderes ist, dass er ihnen etwas ganz Besonderes – einschneidende Veränderungen – bringt. Jubel wird laut, die Menge bereitet ihm einen triumphalen Empfang. Hosianna-Rufe, gelobt sei Gott; sie decken seinen Weg mit lebendig-grünen Palmzweigen und ehren ihn, indem sie ihre Umhänge auf seinen staubigen Weg legen.

Hosianna – es ist ein Festtag – mitreißend und ansteckend. Auch wir müssten singen und tanzen, aber unser Lachen bleibt uns im Hals stecken, rechte Fröhlichkeit will sich nicht einstellen, denn wir wissen schon: die jubelnde Menge wird sich zerstreuen; all die Menschen, die sich da drängen, um ihn – Jesus – zu sehen, einen Blick von ihm zu erhaschen, ihn berühren wollen, sie finden sich erst Tage später wieder inmitten der grölenden Meute, die ihn dem Kreuz überlässt.

Eben noch bejubelt – im nächsten Moment allein und im Stich gelassen; der Rausch ist verflogen. Aus Begeisterung und Jubel werden Skepsis und Misstrauen; zwischen den Hosianna-Rufen hören wir schon das Kreuzige ihn hindurch.

Die Grenze der Stadtmauer, die Jesus überschreitet, ist eine Schnittstelle. Sie markiert den Übergang vom Handeln Jesu zum Handeln Gottes. Ich habe getan, was ich tun konnte, meine Aufgabe habe ich vollendet, jetzt vollende du (Joh 17, Hohepriesterliches Gebet). Ich habe dich verherrlicht – mit meinem Leben, meinem Reden und Tun und mit den Leiden, denen ich mich stelle; ich habe dich, Gott, verherrlicht, jetzt verherrliche du mich.

Jesus will keinen Lohn, Jesus will die Verherrlichung nicht für sich, nicht als Selbstzweck, sondern sie hat einen Sinn, ein Ziel, ein Wozu: Verherrliche mich, damit… damit die Menschen das ewige Leben haben. Jesus hat seine Aufgabe erfüllt. Er hat Gott in seiner Schönheit sichtbar werden lassen. Er hat von Gottes Schönheit empfangen und zurückgegeben und wird in dieser Schönheit vereint mit ihm.

Seine getragene Gelassenheit in dieser Woche erscheint fast schon nicht mehr irdisch, denn wie die Verherrlichung vollendet wird, hat ja nicht einmal mehr entfernt etwas von Schönheit. Es ist bitteres, bitteres Leid, grausiger Tod am Kreuz.Lassen Sie mich diese Feststellung nutzen, um an einen Tag dieser Woche zu erinnern, den 9. April des Jahres 1945. Vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg ermordet. Auch Bonhoeffer wurde eine in der Rückschau fast übermenschliche Gelassenheit nachgesagt, damals in seiner Haft, zuvor in Tegel, eine feste, freundliche Heiterkeit.

Und: auch er erlebte sein Gethsemane. Beides – Gelassenheit und bittere Furcht, Tränen wie Blutstropfen und Klagegeschrei stehen zwar in einer Spannung, aber nicht in einem Widerspruch zueinander. Beides mündet ein in ein: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens…

Wo man angefangen hat – nicht: keine Angst zu haben –; wo man angefangen hat, die eigene Angst, nicht regieren zu lassen, haben die anderen keine Gewalt mehr über einen. Sie konnten Bonhoeffer umbringen, Gewalt hatten sie keine über ihn. Sie konnten Jesus umbringen, Gewalt hatten sie keine über ihn; für ihn das Ende, für uns der Beginn des Lebens.

Dietrich Bonhoeffer ist in Jesu Fußspuren gegangen; er – und er ist, Gott sei´s geklagt, nicht der einzige –; er ist ermordet worden, weil er sich selbst durchgehalten hat, weil er Gott hat schön sein lassen. Liebe und Schönheit waren schon immer eine Bedrohung für die Mächtigen.

Nachfolge heißt Mitgehen – und das nicht nur in dieser Karwoche; Nachfolge heißt Mitgehen, aber sie muss nicht – in den wenigsten Fällen, heutigentags – tödlich enden; Nachfolge heißt Mitgehen, heißt nichts weniger als Gott in Jesus Christus zu erkennen; Gott in seiner Schönheit zu erkennen. Es ist die Kunst, sich in Gott zu verlieben. So kann man auch an uns erkennen, wie Gott ist, damit wir alle eins werden – vereint in seiner Schönheit.Gott, hör nicht auf, uns zu träumen…

d. lippold

(für die Woche vom 6. April bis 12. April 2020)

Wochenandachten zum Nachlesen

Andacht Pfarrerin Franziska Roeber (23.-29. März) Fesseln fallen

Andacht Pfarrer Uli Seegenschmiedt (30. März - 5. April) Händewaschen anders!

Andacht Pfarrer Detlef Lippold (6.-12. April) Nachfolge heißt Mitgehen

Letzte Änderung am: 09.04.2020